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In der Pharma-Firma, in der ich viele Jahre gearbeitet habe, hat ein munterer Spruch bei den Mitarbeitern immer wieder für heitere Zustimmung gesorgt: “Lieber reich und gesund, als arm und krank!” Da schlug das Herz des gesunden Menschenverstandes gleich höher und machte alle intellektuellen Theorien über die negativen Seiten des Reichtums zunichte. Aber ist das wirklich so einfach mit der Armut und dem Reichtum? Gehen wir dem einmal nach.
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Die frühen Mönche im Buddhismus durften nur sechs Gegenstände besitzen: Eine Almosenschale, ein Gewand, einen Gürtel, Nadel und Faden, ein Wassersieb und ein Rasiermesser. Das wird heute bei den Mönchen nicht mehr ganz so streng gehandhabt, aber viel Besitz dürfen sie nicht anhäufen. Allgemeine Maxime war und ist es bis heute, dass man sein Herz nicht an irdische Dinge hängen soll. Besitz macht den Menschen abhängig, verführt ihn zu noch mehr Besitz und bindet seinen Geist an vergängliche Gegenstände. Der Geist soll sich stattdessen auf das Wesentliche konzentrieren: auf die Meditation und das Erlangen der Erleuchtung.
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Ein Dasein als Mönch ist sicher nicht jedermanns Sache. Es ist ein freiwilliger Verzicht auf Wohlstand zugunsten eines höheren Bewusstseins. Aber nicht nur buddhistische oder christliche Mönche denken kritisch über Armut und Reichtum nach. Der römische Philosoph Seneca sagte schon vor 2000 Jahren: “Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm!” Moderne Psychologen, Schriftsteller und Philosophen empfehlen den Leuten, anstatt viele Dinge anzuhäufen, Erlebnisse zu sammeln. Sein statt Haben, erleben statt horten. Das alles sind Empfehlungen in einer Welt, die materiellen Mangel weitgehend überwunden hat. Armut kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ich bin 1952 geboren und unser Haus in Haltern am See war eine Baracke aus Holz. Das Dach war aus Dachpappe und Wasser bekam man aus einer Handpumpe, wie man sie vielleicht noch von Viehtränken auf Bauernhöfen kennt. Der Küchenherd wurde mit Kohle befeuert. Wir hungerten nicht und litten auch keinen sonstigen Mangel, aber es war alles sehr einfach und direkt. Dann hat allmählich, auch bei uns, das Wirtschaftswunder eingesetzt und 10 Jahre später fanden wir uns in der deutschen Mittelklasse wieder.
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Jetzt lebe ich in den Philippinen und begegne der Armut jeden Tag. Hier leben Millionen Menschen von der Hand in den Mund. Sie haben kein Geld zu sparen, kein Geld für elementare Versicherungen und für die Zukunft der Kinder. Die Philippinen sind zwar kein Land des Elends und der Not, man sieht hier keine Verhungernden an den Straßenrändern oder Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen, aber Mangel herrscht fast überall. Das Leben der meisten Menschen hier ist ein täglicher Kampf um ein bisschen Kohle. Es wird wohl auch überall Arbeit angeboten: Hausmädchen, Zimmermädchen, Barkeeper, Servierer, Koch, Busfahrer, Tankstellenwärter etc. Der Nachteil ist jedoch, dass man bei all diesen Arbeiten so gut wie nichts verdient. Für ungelernte Arbeiten liegt der Stundenlohn bei rund 1,- €. Staatliche Hilfen gibt es hier und da wohl auch, aber der Staat ist klamm und kann nicht viel geben. Gibt er mal einiges mehr, wie in der Corona-Krise, versickert das meiste Geld in korrupten Kanälen.
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Als Ausländer darf man sich nicht in die hiesige Politik einmischen. Also muss man sich mit den Gegebenheiten hier abfinden. Ganz konkret tun mir oft die Kinder hier leid. Die leiden auf ihre eigene Art an der Armut, weil sie sich auch das Einfachste nicht leisten können. Im Winter 1836 schrieb der junge Georg Büchner an seine Eltern: “Ich komme vom Christkindlsmarkt. Überall Haufen zerlumpter, fierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern von den Herrlichkeiten aus Wasser, Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, dass für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.” Viele Kinder betteln und wenn sie ein paar Pesos zusammenhaben, dann streunen sie um die Sari-Sari-Stores und suchen sich etwas aus.
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Letzte Woche war ich in “Ermita”, einem Slum-Viertel am Stadtrand unterwegs. Wie so oft, hatte ich auch diesmal wieder rasch Kinderbegleitung. Die Jungen, diesmal waren es nur Jungen, wollten natürlich fotografiert werden und alles Mögliche von mir wissen: wie ich heiße, aus welchem Land ich komme, ob ich Basketball spiele, ob ich selbst Kinder habe, wie groß ich bin? Viele “Americanos” (wie ich einer bin) kommen nicht in die Favelas. Es kursieren auch allerhand Warnungen unter den Zugezogenen, dass man die Slums meiden soll. Pfefferspray soll man dabeihaben und sein Papiergeld in einem Reißverschluss-Gürtel verstecken und auf keinen Fall seine Kamera zeigen. Ich habe weder Pfefferspray noch einen Reißverschlussgürtel und die Kamera habe ich sichtbar in der Hand. Sicher, nachts würde ich auch nicht dort herumstreunen, aber tagsüber besteht eigentlich keine Gefahr. In dieser Favela hatte ich mich dummerweise heillos verlaufen. Straßennamen oder so etwas gibt es dort natürlich nicht und die Gassen sind so eng, dass man die Übersicht verliert. Dann habe ich die Jungs gebeten, mir den Weg zur Hauptstraße zu zeigen, an der mein Roller stand. Das haben sie dann auch brav und zuverlässig hinbekommen. Wir sind dann zu einem Kiosk gegangen, hier Sari-Sari-Store genannt, und ich habe den Kindern ein Eis ausgegeben. Ich habe selten so glückliche Kinder gesehen. Die Kinder haben mir, als ich abfuhr, hinterher gewunken und riefen mir nach, dass ich sie wieder besuchen solle. Es hat mich sehr berührt, mit welch bescheidenen Mitteln man hier solche Freude bereiten kann.
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Wenn wir tiefer über arm und reich nachdenken, dann wird klar, dass Seneca und Georg Büchner beide Recht haben. Seneca ist in wohlhabenden Ländern besonders relevant, Büchner in den armen Gegenden dieser Erde. Die Bewohner des europäischen Westens sind auf der Maslowschen Bedürfnispyramide ziemlich weit oben angesiedelt, die Filipinos weit unten. Das ist der entscheidende Unterschied.
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Viele Grüße Detlef B. Fischer
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Noch einmal darf ich hinweisen auf mein neues Buch “Königreich und Gottesstaat”. Es ist hier auf den Philippinen entstanden, das Studienmaterial dafür habe ich aus Deutschland mitgebracht.
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Zur Täuferperiode vor 500 Jahren hatte ich bis dato kein klares Bild der Ereignisse. War es eine Terrorherrschaft oder ein früher Gottesstaat? Waren die Täufer Scharlatane oder verfolgten sie ehrbare Ziele?
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Ich bin zu einem sehr differenzierten Urteil über die Täufer und ihre Herrschaft in Münster gelangt. Wer sich für historische Vorgänge in der Reformationszeit oder den Aufstieg und Niedergang von Sekten interessiert, der wird Spaß an der Lektüre des Buches haben.
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