Dieser Newsletter trägt den Titel „Neo-Zen – lebendiger Buddhismus“. Ein neuer Begriff ist im Spiel: Neo-Zen. Was damit gemeint ist, soll hier kurz erläutert werden. Vor rund einem Jahr habe ich ein Buch mit dem Titel „Neo-Zen – Grundzüge eines westlichen Buddhismus“ veröffentlicht. In diesem Buch habe ich recht ausführlich dargelegt, wie sich eine Einbettung des Zen-Buddhismus in unsere westliche Welt vollziehen könnte und welche Probleme einem solchen Prozess entgegenstehen. Nun ist es aber nicht jedermanns Sache dicke Bücher zu lesen und kulturhistorischen Betrachtungen zu folgen. Daher soll hier in diesem Newsletter eine kurze Einführung in das Thema geliefert werden. Tradition und herausragendes Kennzeichen des Zen-Buddhismus ist der Vorrang der Zazen-Übung. Nicht theoretische Abhandlungen, die Rezitation heiliger Texte oder bestimmte rituelle Handlungen stehen im Mittelpunkt, sondern das Zazen. Das ist gut so und das soll auch so bleiben! Aber es ist auch nicht so, dass es so etwas wie eine Theorie, Philosophie, Theologie oder wie auch immer man es nennen will, gar nicht gäbe. Jedes Jahr erscheinen rund ein Dutzend neue Bücher über Zen, wird in buddhistischen Zeitschriften über Zen geschrieben. Auch wenn es immer wieder heißt, dass „allein die Praxis zählt“, bestehen Zen-Bücher nicht nur aus weißen Seiten und begnügen sich Zen-Lehrer nicht nur mit wortlosem Schweigen. Die Zen-Schulen verstehen sich als Zweig des Buddhismus und in die Ideen des Buddhismus, speziell des Mahayana-Buddhismus, sind sie auch eingebettet. Wir sprechen auch im Zen von der Leidensaufhebung, vom Karma, von der wechselseitigen Abhängigkeit, den fünf Skandhas und von der Erleuchtung. Der Buddhismus hat in seiner langen Geschichte zahlreiche, sehr wertvolle „geistige Werkzeuge“ hervorgebracht, das ist unbestritten. Aber wir leben heute im 21. Jahrhundert und für viele Probleme, für die wir Lösungen suchen und für manche Fragen, die sich uns heute stellen, reichen diese Werkzeuge nicht aus. Mark Twain hat einmal gesagt: „Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ In diesem Sinne bin ich davon überzeugt, dass wir mit den buddhistischen Grundideen allein heute nicht auskommen, wenn wir nach Orientierung in unserer komplexen Gegenwart suchen. Neo-Zen bedeutet, sich auch mit der taoistischen Philosophie zu beschäftigen und die Ideen der europäischen Aufklärung (Menschenrechte) nicht zu vernachlässigen.Ein Beispiel: Ich denke, wir alle sind davon überzeugt, dass es wichtig und richtig ist, die Umwelt zu schützen und den Klimawandel aufzuhalten. Die Christen haben hier seit langem einen griffigen Slogan parat: „Wir müssen Gottes Schöpfung bewahren“. Wenn ich nun meine Zen-Schüler frage, wie sich das Engagement für den Umweltschutz buddhistisch begründen lässt, dann schaue ich immer in ratlose Gesichter. Aus der Lehre der wechselseitigen Abhängigkeit ließe sich wohl erklären, wie es dazu gekommen ist, aber nicht, warum man dagegen etwas unternehmen sollte. Nun könnte man argumentieren, dass der Klimawandel Leiden verursacht, was wohl stichhaltig ist. Aber man darf nicht vergessen, dass der Buddha seinerzeit eine Welt als leidvoll erkannt hat, die ökologisch völlig intakt war. Die Lehre von der Leerheit aller Phänomene (Herz-Sutra) liefert auch keine Begründung für ökologisches Engagement, sondern führt eher zu einer „macht ja nix“-Haltung. Die Sache sieht aber ganz anders aus, wenn ich die taoistische Lehre von Yin und Yang zu Rate ziehe. Demgemäß befinden wir uns spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung vor 200 Jahren in einer Phase übermäßiger Yang-Aktivität. Menschliches Denken und Tun ist seit dieser Zeit vor allem nach Außen gerichtet. Es ist rastlos, überaktiv und (nicht nur) der Natur gegenüber rücksichtslos. Menschliche Aktivität hat die Ökologie der Erde aus der Balance gebracht. Wenn wir uns und das Leben auf diesem Planeten retten wollen, dann müssen wir uns in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Wir müssen uns Yin-Aktivitäten widmen und in diesem Sinne passiver, ruhiger, selbstloser und zufriedener werden. Auf diese Wiese können wir zum natürlichen Zustand, dem ökologischen Gleichgewicht wieder zurückkehren. Mit den „geistigen Werkzeugen“ des Taoismus ist die Frage, warum wir uns für Natur- und Umweltschutz engagieren sollten, relativ leicht und sehr schlüssig zu erklären. Detlef B. Fischer |